Jeremy Zucker verwandelt Erinnerung in Melodie auf „Garden State“ und schafft ein Album, das zugleich wie ein Tagebucheintrag und ein universelles Coming-of-Age-Geständnis wirkt – ein Soundtrack fürs Weggehen, die Sehnsucht und das Lernen, Heimat mit neuen Augen zu sehen.
Stream: „Garden State“ – Jeremy Zucker
Jeremy Zuckers Garden State ist eine Heimkehr, durchdrungen von Nostalgie und Offenbarung, eine minimalistische und doch üppige Meditation darüber, was es bedeutet, den Ort zu verlassen und an den Anfang zurückzukehren.
Es ist eine zärtliche Odyssee durch Erinnerung, Zugehörigkeit und die zerbrechliche Schönheit des Erwachsenwerdens.
Jeremy Zucker war schon immer ein Musiker der stillen Intimität. Seine Songs wirken häufig wie private Geständnisse, in gedämpften Tönen an ein Tagebuch gerichtet, statt an Millionen ausgestrahlt zu werden. Aber mit Garden State, seinem dritten Studioalbum und vielleicht seinem bislang bewegendsten Werk (jetzt erschienen bei Mercury Records), richtet Zucker die Linse seines Songwritings zurück auf den Ort, wo alles begann: Franklin Lakes, New Jersey. Es ist nicht nur eine geographische Rückkehr, sondern eine emotionale Ausgrabung von Erinnerung, Identität und den Orten, die uns nicht loslassen, selbst wenn wir sie verlassen.
Garden State – Jeremy Zucker
Während sein Debüt Love Is Not Dying (2020) eine Meditation über Herzschmerz und existenzielle Melancholie war und Crusher (2021) dunklere, schwerere Texturen der Ängstlichkeit erforschte, fühlt sich Garden State wie eine Versöhnung an. Es ist nicht die Geschichte des Zerbrechens, sondern des Durchsiebens von Fragmenten. Im Kern ist dieses Album eine Auseinandersetzung mit dem bittersüßen Zusammenprall von Vergangenheit und Gegenwart, Jugend und Erwachsensein, Heimat und Fernweh. Es handelt vom Erwachsenwerden, vom Herauswachsen und schließlich vom Zurückkehren mit klügeren, müderen Augen.
Auf vierzehn Tracks setzt Zucker auf eine Palette aus sparsamer Instrumentierung und minimalistischer Produktion, lässt oft akustische Gitarrenanschläge, fragile Klavierlinien und gedämpfte Atmosphären die Schwere seines Erzählens tragen. Seine Produktion ist karg, aber niemals hohl; sie gibt seinen Texten Raum zum Atmen, und seine Stimme, zerbrechlich und zugleich entschlossen, steht wie eine flackernde Kerze im Zentrum.
Das Album beginnt mit „hometown“, der Lead-Single, die sofort den Ton angibt: zärtlich, selbsthinterfragend, verwurzelt in dem Paradoxon von Weggehen und Verlangen. „Oh wow, look at you now“, singt er und spricht dabei gleichzeitig sich selbst und die Freunde an, die er zurückgelassen hat. Es ist weder vorwurfsvoll noch feierlich, sondern reflektierend, gesungen mit der Klarheit des Rückblicks und dem Schmerz der Wiedererkennung.
Jeremy Zucker „Garden State“ © Hunter Moreno
Von dort gleitet „i don’t know you“ in die verschwommenen Räume der verblassenden Freundschaft und verwandelt vertraute Gesichter in Fremde. Zuckers Zurückhaltung ist hier bemerkenswert; der Song kocht nie über in Melodramatik, sondern verweilt in dem liminalen Unbehagen der Entfremdung. Diese Zurückhaltung ist eine der Stärken des Albums: Zucker vertraut seinen Pausen ebenso sehr wie seinen Melodien.
Ein Großteil von Garden State beschäftigt sich mit Kindheitsrelikten und prägenden Übergangsriten. In „simple things“ katalogisiert Zucker alltägliche Erinnerungen, Jahrmärkte, Fotoautomaten und Sonnenstreifen, die im Rückblick mit unerwarteter Bedeutung schimmern. Dabei unterstreicht er eine zentrale These des Albums: Das Leben besteht nicht aus großen Ereignissen, sondern aus leisen Fragmenten, die ihr Gewicht erst offenbaren, wenn man sie wieder besucht.
In „surprise!“ schreibt er an sein jüngeres Ich und mahnt zu Geduld gegenüber der unbekannten Zukunft: „You don’t always need to know / exactly what the future holds.“ Es ist einer von Zuckers offenherzigsten und wärmsten Momenten, ein Song, der weniger wie eine Ermahnung als vielmehr wie ein sanfter Arm um die Schultern seines jugendlichen Ichs wirkt.
Jeremy Zucker „Garden State“ © Hunter Moreno
Herzschmerz zieht sich natürlich ebenfalls durch das Album. „what i almost had“ und „navy blue“ erforschen Verlust und Sehnsucht, das Ziehen durch verpasste Zeitpunkte. Statt zu versinken, malt Zucker diese Gefühle jedoch in bittersüßen Farben, mehr Verlangen als Verzweiflung, mehr Erinnern als Bedauern. Die Produktion spiegelt oft diese Dualität wider: leichte, fast kindliche Verzierungen neben Texten, die tief schneiden.
Die Mitte des Albums, „natural disaster“ und „pretty f*ing tight“, markiert einen Bruch in der ansonsten zarten Gefühlslandschaft. Hier taucht Zucker in Chaos, Unbehagen und spiralförmige Introspektion ein. Das Leben, so scheint er zu sagen, verläuft nicht in linearen Bögen, sondern in plötzlichen Ruckern, Zusammenstößen und Umkehrungen. Doch selbst in der Turbulenz trägt Zuckers Stimme eine geerdete Ehrlichkeit und gibt sich nie der Künstlichkeit hin.
„letting go“, einer der Höhepunkte des Albums, fungiert als Wendepassage. Er erkennt die Unvermeidlichkeit des Wandels an, die Notwendigkeit, das loszulassen, was wir nicht kontrollieren können. In dieser stillen Akzeptanz liegt etwas Befreiendes, eine Erinnerung daran, dass Erwachsenwerden nicht heißt, sich fester festzuhalten, sondern loszulernen.
Die Schlussstücke schließen den Kreis des Albums. „all i want“ bietet eine zerbrechliche Auflösung, in der Liebe — unvollkommen, aber echt — zur Antwort wird, auf die die vergangene Schmerzen hingedeutet haben. „splinter“ nimmt das Motiv der Heimat wieder auf und verwandelt es in eine eindringliche Metapher: „there’s a splinter of you in my heart.“ Heimat, so schlägt Zucker vor, ist zugleich Trost und Wunde, ein Teil von uns, tief eingeschlossen, ob wir es wollen oder nicht.
Jeremy Zucker „Garden State“ © Hunter Moreno
Der Titelsong „garden state“ fungiert als Thesensatz, balanciert Nostalgie mit Selbstbewusstsein. Er ist Zuckers Meditation über Jugend, Freundschaft und die unumstößliche Anziehung eines Ortes. Wenn das Album schließlich mit einer Coverversion von The Postal Service’s „such great heights“ endet, gefiltert durch Zuckers zarte, atmosphärische Linse, fühlt sich der Hörer zwischen Vergangenheit und Zukunft aufgehängt, als schwebe er in der Luft zwischen zwei Versionen von Heimat.
Was Garden State fesselnd macht, ist nicht nur seine Intimität, sondern seine Universalität. Obwohl Zuckers Texte tief in Franklin Lakes verwurzelt sind, sind die Themen — Weggehen, Wachsen, Zurückkehren, Versöhnen — sofort erkennbar für jeden, der mit seinem eigenen Herkunftsgefühl gerungen hat. Er schafft es, das zutiefst Persönliche in etwas Gemeinschaftliches zu verwandeln, zu einem Spiegel, in dem Hörer ihre eigenen Splitter, ihre eigenen einfachen Dinge, ihre eigenen Heimatorte sehen können.
Zuckers Zurückhaltung wirkt radikal in einer Ära, in der Pop oft nach Spektakel strebt. Garden State ist kein Album von Feuerwerken, sondern von Sternbildern, kleinen Lichtpunkten, deren Schönheit sich erst offenbart, wenn man zurücktritt und die Linien zwischen ihnen nachzeichnet.
Jeremy Zucker „Garden State“ © Hunter Moreno
Jeremy Zuckers Garden State ist eine stille Abrechnung mit Selbst und Ort, ein Liebesbrief an die Vergangenheit und eine Elegie für ihr Vergehen.
Mit seiner reduzierten Produktion und emotional rohen Lyrik steht es als Zuckers reifstes und verletzlichstes Werk bislang.
Am Ende erinnert uns das Album daran, dass Heimat kein fester Ort ist, sondern ein sich verschiebendes Sternbild aus Erinnerung, Identität und Sehnsucht. Wir können sie verlassen, wir können ihr widerstehen, aber sie verlässt uns nie ganz. In Garden State lehrt Zucker uns, dass Erwachsenwerden manchmal bedeutet, zu lernen, wie man zurückkehrt — nicht um zu bleiben, sondern um anders zu sehen.
— —
:: Garden State hier streamen/kaufen ::
:: hier mit Jeremy Zucker verbinden ::
— —
— — — —
Verbinde dich mit Jeremy Zucker auf
Facebook, 𝕏, TikTok, Instagram
Entdecke neue Musik bei Atwood Magazine
© Hunter Moreno
ein Album von Jeremy Zucker
Jeremy Zucker verwandelt Erinnerung in Melodie auf 'Garden State' und schafft ein Album, das sich zugleich wie ein Tagebucheintrag und wie ein universelles Geständnis des Erwachsenwerdens anfühlt – ein Soundtrack für Abschied, Sehnsucht und dafür, zu lernen, das Zuhause mit neuen Augen zu sehen.